Zukunftsweisende Strategien für eine starke Diabetesversorgung bis 2030

Trotz Herausforderungen durch die Krankenhausreform sieht Prof. Fritsche Potenzial für innovative Ansätze in der Diabetesbehandlung. Die Stärkung spezialisierter Zentren und die Förderung präventiver Maßnahmen stehen im Fokus.

Interview mit Prof. Dr. Andreas Fritsche 

esanum: Prof. Fritsche, die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat eine "Agenda Diabetes 2030" mit den Schwerpunkten Diabetes behandeln, erforschen und verhindern vorgestellt. Können Sie die Hauptziele dieser Agenda näher erläutern?

Prof. Fritsche: Natürlich. Beginnen wir mit der Behandlung. Hier ist es entscheidend, die Versorgung sowohl ambulant als auch stationär sicherzustellen. In Deutschland sind wir in der ambulanten Versorgung mit spezialisierten Diabetes-Praxen und Disease Management Programmen gut aufgestellt. Diese Programme müssen geschützt und weitergeführt werden, obwohl gesetzliche Änderungen wie das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GSVG) potenzielle Risiken mit sich bringen. Sorgen bereitet uns jedoch der stationäre Sektor. Die geplante Krankenhausreform gefährdet die diabetologische Versorgung dort erheblich. Es wird fälschlicherweise behauptet, dass Diabetes eine rein ambulante Erkrankung ist, dabei hat jeder fünfte Krankenhauspatient Diabetes. Wir benötigen spezialisierte Abteilungen für diese Patienten, um ihre Versorgung zu gewährleisten.

Der zweite Schwerpunkt ist die Forschung. Hier wurden in den letzten zwei Jahrzehnten bedeutende Fortschritte erzielt, vor allem durch neue Medikamente, die Patienten ein längeres und gesünderes Leben ermöglichen. Eine individualisierte Therapie ist hier essentiell, um Medikamente gezielt einzusetzen – was bei manchen Patienten mehr, bei anderen weniger Medikamente bedeutet. Damit können wir manchmal auch Kosten sparen.

Der dritte Punkt ist die Prävention. Effektive Präventionsmaßnahmen sollten gezielt bei denjenigen angewendet werden, die am meisten davon profitieren können. Ebenso wichtig sind gesamtpolitische Maßnahmen wie steuerliche Anreize für gesunde Ernährung und Bewegungsprogramme in Schulen und Kindergärten. Trotz der bekannten Vorteile wurden solche Maßnahmen in den letzten zehn Jahren kaum umgesetzt.

esanum: Sie haben die Bedrohung durch die Krankenhausreform angesprochen. Was sind die Folgen für die diabetologische Versorgung?

Prof. Fritsche: Die Reformvorhaben basieren auf Empfehlungen von Expertenkommissionen, die hauptsächlich aus Gesundheitsökonomen bestehen. Diese Experten übersehen jedoch, dass Diabetes-Patienten im Krankenhaus oft schwerwiegende Komplikationen haben und eine spezialisierte Behandlung benötigen. Ohne diese wird die Krankenhausmortalität steigen. Ökonomisches Sparen darf nicht zu einer Gefährdung der Patientenversorgung führen.

esanum: Die Kosten für Diabetesbehandlungen sind erheblich. Können Sie das näher erklären?

Prof. Fritsche: Die direkten Kosten von etwa 30 Milliarden Euro umfassen Medikamenten- und Krankenhauskosten. Dazu kommen rund 20 Milliarden Euro an indirekten Kosten durch Arbeitsausfall und Arbeitsunfähigkeit. Diese Zahlen steigen mit der alternden Bevölkerung weiter an. Um künftige Kosten zu reduzieren, müssen wir auch Medikamente und Maßnahmen gezielter bei Hochrisikopatienten einsetzen.

esanum: Was verstehen Sie unter "Präventionswende"?

Prof. Fritsche: Eine Präventionswende erfordert eine Änderung der Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft, um gesündere Lebensentscheidungen zu fördern. Dazu gehören steuerliche Anreize, Werbebeschränkungen für ungesunde Lebensmittel und mehr Präventionsprogramme im Gesundheitswesen. Diese Änderungen könnten künftige Reparaturmedizin, die sehr kostspielig ist, erheblich reduzieren.

esanum: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Prof. Fritsche: Wir benötigen mehr sorgende und sprechende Medizin. Viele Patienten sind multimorbid und benötigen individuelle Betreuung. Eine enge ärztliche Betreuung kann helfen, künftige Komplikationen und damit teure medizinische Eingriffe zu verhindern. Eine präventive medizinische Ausrichtung spart langfristig Kosten und erhöht die Lebensqualität für die Patienten.

esanum: Die Leistungsgruppen im Krankenhauswesen werden umstrukturiert. Wie betrifft das die Diabetologie?

Prof. Fritsche: Die Diabetologie wird in der neuen Struktur nicht ausreichend berücksichtigt. Kliniken mit spezialisierter Diabetologie müssen auch ohne Endokrinologie eine Leistungsgruppenberechtigung erhalten, um überleben zu können. Ebenso wichtig ist, dass in allgemeinen internistischen Abteilungen eine Grundexpertise in Diabetologie vorhanden ist. Dies könnte durch flexible Leistungsgruppen und Kooperationen mit niedergelassenen Diabetologen erreicht werden.

esanum: Wie wichtig sind zertifizierte Diabetes-Zentren bei diesen Umstrukturierungen?

Prof. Fritsche: Zertifizierte Zentren sind essenziell, da sie eine hohe Behandlungsqualität gewährleisten. Eine unserer Studien zeigt, dass Patienten in zertifizierten Kliniken oftmals schwerer krank, aber durch die spezialisierte Behandlung weniger häufig sterben. Diese Zentren müssen unbedingt erhalten bleiben, um die Qualität der Versorgung sicherzustellen.

esanum: Was unternehmen Sie, um den Erhalt dieser Zertifizierungen zu sichern?

Prof. Fritsche: Wir möchten kommunizieren, dass Zertifizierungen einen tatsächlichen Nutzen bieten. Ich hoffe, dass dies dazu beiträgt, ihre Fortführung sicherzustellen. Es ist entscheidend, dass wir in der Medizin wertvolle Maßnahmen beibehalten und unwirksame abschaffen.

esanum: Gibt es abschließend noch einen Punkt, den Sie betonen möchten?

Prof. Fritsche: Ja, die Bedeutung einer präziseren Versorgung. Wir müssen zwischen Über- und Unterversorgung unterscheiden und Medikamente bei Hochrisikopatienten gezielt einsetzen. Eine reformierte Medizin muss diese Spezifikationen berücksichtigen, um sowohl effektiv als auch kosteneffizient zu sein.

Wer ist Prof. Andreas Fritsche?

Prof. Dr. Andreas Fritsche ist Universitätsprofessor und Diabetologe mit einem Lehrstuhl für Ernährungsmedizin und Prävention in der Inneren Medizin IV. Er ist stellvertretender Leiter des Instituts für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz-Zentrums München an der Universität Tübingen. Zudem leitet er die Abteilung für Prävention und Therapie des Diabetes mellitus sowie die Diabetesstation und -ambulanz. Prof. Fritsche ist auch Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft.