Brustkrebs: Schwangerschaft trotz BRCA-Mutation?
Schwangerschaft nach Brustkrebs – möglich ohne die Prognose zu verschlechtern? Wie es bei BRCA-Trägerinnen aussieht, untersuchte eine retrospektive Studie.
Kinderwunsch nach Brustkrebs mit Herausforderungen verbunden
Brustkrebsüberlebende haben im Vergleich zur generellen Population eine signifikant niedrigere Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft.2 Diesem Umstand liegen vermutlich mehrere Sorgen zugrunde, darunter z. B. eine potenzielle Auswirkung der Schwangerschaft auf die Prognose (aufgrund des hormonabhängigen Wachstums von Brustkrebstumoren) sowie ein höheres Risiko für Schwangerschaftskomplikationen durch die vorherigen systemischen Brustkrebstherapien.2
Bei Trägerinnen der BRCA-Mutation kommen weitere Herausforderungen hinzu:1
- Potenzieller negativer Einfluss der eingeschränkten BRCA-Funktion auf die Eierstockreserve und Fertilität3
- Indikation für eine bilaterale Salpingo-Oophorektomie in jungen Jahren aufgrund des erhöhten Risikos für Eierstockkrebs4
- Angst der Patientinnen, die pathogene Variante ihrem Nachwuchs weiterzugeben5
Die internationale Kohortenstudie von Lambertini et al. aus dem Jahr 2024 analysierte nun die Inzidenz und die Auswirkung von Schwangerschaften in einer großen Kohorte von über 4.000 Brustkrebspatientinnen mit BRCA-Mutation.1
Steckbrief: Details der retrospektiven Kohortenstudie
- 4732 BRCA-Trägerinnen mit invasivem Brustkrebs
- Medianes Alter zum Zeitpunkt der Diagnose: 35 Jahre (interquartile range [IQR] 31-38 Jahre)
- Medianes Follow-up: 7,8 Jahre (IQR 4,5-12,6 Jahre)
- Primäre Endpunkte: kumulative Inzidenz von Schwangerschaften nach Brustkrebs und krankheitsfreies Überleben
- Sekundäre Endpunkte: u. a. brustkrebsspezifisches Überleben und Gesamtüberleben
Kein negativer Effekt auf das Überleben nachweisbar
Innerhalb von 10 Jahren nach der Krebsdiagnose wurde 1 von 5 Patientinnen schwanger:1
- Bei 659 Teilnehmerinnen kam es zu mindestens einer Schwangerschaft
- 073 Frauen wurden nicht schwanger
- Kumulative Inzidenz von Schwangerschaften: 22 % (95 %-Konfidenzintervall [KI] 21-24 %)
Es zeigte sich kein signifikanter Unterschied im krankheitsfreien Überleben zwischen Frauen mit mind. 1 Schwangerschaft und denjenigen, die nicht schwanger wurden (adjustierte Hazard Ratio [HR] 0,99; 95 %-KI 0,81-1,20).1
Patientinnen mit mind. 1 Schwangerschaft wiesen allerdings im Vergleich zu Frauen, die nicht schwanger wurden, ein signifikant besseres
-
brustkrebsspezifisches Überleben (adjustierte HR 0,60; 95 %-KI 0,40-0,88; p = 0,009) und
-
Gesamtüberleben (adjustierte HR 0,58; 95 %-KI 0,40-0,85; p = 0,005) auf.1
Inzidenz variiert zwischen HR+ und HR- Brustkrebs
Die Studienautor:innen weisen darauf hin, dass die kumulative Inzidenz von Schwangerschaften in ihrer Studie höher ist als in bisherigen Studien mit jungen Brustkrebsüberlebenden. Hierfür geben sie 3 Gründe an:1
- Jüngeres Alter der Teilnehmerinnen zum Zeitpunkt der Diagnose
- Erhöhte Priorität von Schwangerschaft aufgrund der Indikation für eine bilaterale Salpingo-Oophorektomie
- Hoher Anteil (54,3 %) an Patientinnen mit Hormonrezeptor-negativem (HR-) Brustkrebs, die keine adjuvante endokrine Therapie benötigten
Zum letzten Punkt merken Lambertini et al. an, dass Frauen mit HR-positivem (HR+) Brustkrebs eine niedrigere kumulative Inzidenz von Schwangerschaften hatten und eine längere Zeitspanne von Diagnose bis Empfängnis aufwiesen als diejenigen mit HR- Brustkrebs – vermutlich aufgrund der benötigten endokrinen Therapie, während der eine Schwangerschaft kontraindiziert ist.1
Dennoch ereigneten sich 60 % der Schwangerschaften bei Patientinnen mit HR+ Brustkrebs innerhalb der ersten 5 Jahre nach Diagnosestellung.1 Tatsächlich empfiehlt die AGO Kommission Mamma aufgrund der Ergebnisse der POSITIVE-Studie, dass die endokrine Therapie bei Kinderwunsch für max. 2 Jahre (nach einer mindestens 18-monatigen Vortherapie) ohne kurzfristigen Überlebensnachteil unterbrochen werden kann.6
Mehr zur Studie hier
- Lambertini M et al. Pregnancy After Breast Cancer in Young BRCA Carriers: An International Hospital-Based Cohort Study. JAMA. 2024;331(1):49-59.
- Lambertini M et al. Pregnancy After Breast Cancer: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Clin Oncol. 2021;39(29):3293-3305.
- Turan V et al. Association of Germline BRCA Pathogenic Variants With Diminished Ovarian Reserve: A Meta-Analysis of Individual Patient-Level Data. J Clin Oncol. 2021;39(18):2016-2024.
- Sessa C et al. Risk reduction and screening of cancer in hereditary breast-ovarian cancer syndromes: ESMO Clinical Practice Guideline. Ann Oncol. 2023;34(1):33-47.
- Fine E et al. Fertility Considerations for Reproductive-Aged Carriers of Deleterious BRCA Mutations: A Call for Early Intervention. JCO Oncol Pract. 2022;18(3):165-168.
- Lux, Wöckel. Adjuvante endokrin-basierte Therapie bei prä-und postmenopausalen Patientinnen. Stand April 2024. unter: https://www.ago-online.de/fileadmin/ago-online/downloads/_leitlinien/kommission_mamma/2024/Einzeldateien/AGO_2024D_10_Adjuvante_Endokrine_Therapie.pdf (zuletzt abgerufen am 04.06.2024).
PP-ON-DE-2442