Ärzte vs. Ärztinnen: Wer behandelt wie?
Ärztinnen vs. Ärzte: Bei wem ist die Mortalitätsrate ihrer hospitalisierten Patient:innen niedriger – und beraten sie Patientinnen anders als Patienten?
Mortalitätsrate & Rehospitalisierungen analysiert
Anhand von US-Versicherungsdaten konnten Miyawaki et al. die 30-Tage-Mortalitätsrate sowie die Rate an Rehospitalisierungen von Patient:innen vergleichen – abhängig davon, ob diese von Ärztinnen oder Ärzten behandelt worden waren.1
- Dabei wurden die Daten von 458.108 Patientinnen und 318.819 Patienten
- Ca. ein Drittel (142.465 Patientinnen [31,1 %] und 97.500 Patienten [30,6 %]) waren von Ärztinnen behandelt worden.
- In dieser Gruppe zeigte sich im Vergleich zu Patient:innen, die von Ärzten behandelt wurden, eine geringere Mortalitätsrate.
Insbesondere Frauen profitierten von der Behandlung durch eine Ärztin: Die adjustierte Mortalitätsrate betrug 8,15 % verglichen mit 8,38 % bei Patientinnen, die von einem Arzt behandelt wurden (average marginal effect −0,24 Prozentpunkte [Konfidenzintervall −0,41 bis –0,07 Prozentpunkte]).1
Für die Rate an Rehospitalisierungen zeigte sich ein ähnliches Bild wie für die Mortalitätsrate.1
Ärztinnen priorisierten Sorgen der Patient:innen stärker
Um die Hintergründe dieser Ungleichheit aufzudecken, führte eine britische Arbeitsgruppe Interviews mit 38 Expert:innen, Patient:innen und Ärzt:innen aus der Onkologie durch. Zudem bestätigten sie die qualitativen Ergebnisse mithilfe einer quantitativen Umfrage (91 onkologische Patient:innen und 93 Hausärzt:innen/Onkolog:innen).2
Erkenntnis #1: Ärztinnen scheinen personenzentrierter zu behandeln
- Es hatte für sie eine höhere Priorität, die Sorgen ihrer Patient:innen anzusprechen bzw. ihre Fragen zu beantworten, als für Ärzte (74 vs. 68 % bzw. 77 vs. 64 %).2
- Die Wahrscheinlichkeit, dass Ärztinnen die Entscheidung von Patient:innen als essenziell für eine personenzentrierte Behandlung ansehen, war signifikant höher im Vergleich zu Ärzten (84 vs. 66 %).2
Erkenntnis #2: Patientinnen erhielten mehr emotionalen Support, Patienten mehr Information
- Unabhängig ihres eigenen Geschlechts gaben Ärzt:innen mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit emotionalen Support an Patientinnen vs. Patienten (23 vs. 14 %).2
- Konträr dazu teilten Ärzt:innen mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit Information über die Krankheit mit Patienten als mit Patientinnen (62 vs. 52 %).2
Zudem waren sich 80 % aller Ärzt:innen einig, dass emotionaler Support zur Aufgabe der onkologischen Fachpflegekraft gehört. Diese Rolle wird wiederum fast vollständig von Frauen eingenommen (96 % in Großbritannien).2
Sind Frauen emotionaler – oder priorisieren sie die Prävention?
Analog zur höheren Priorisierung von emotionalem Support bei Patientinnen sahen die Ärzt:innen sie auch als emotionaler an. Zudem stimmten fast drei Viertel (70 %) überein, dass bei Frauen eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie mit „milden“ Symptomen in die Praxis kommen.2
Laut der britischen Arbeitsgruppe zeigt dies, dass Krankheitsprävention im Gesundheitswesen weiterhin eine niedrige Priorität hat und Patient:innen, die proaktiv mit milden Symptomen vorstellig werden, nicht honoriert werden.2
Sowohl das Geschlecht der Ärzt:innen als auch der Patient:innen könnte den Ergebnissen zufolge aufgrund verschiedener Faktoren durchaus einen Einfluss auf das Outcome bei Krebspatient:innen haben.2
Für eine patientenzentrierte Behandlung müssen allerdings genügend Kapazitäten vorhanden sein. Prof. Andreas Hartkopf, Tübingen, erläuterte in einem Interview, welche Kapazitätsprobleme aktuell in Deutschland bestehen.
Zum Beitrag
- Miyawaki A et al. Comparison of Hospital Mortality and Readmission Rates by Physician and Patient Sex. Ann Intern Med. 2024;177(5):598-608.
- Bennis H et al. Gender Bias: The ‘Invisible’ Barrier to Equitable Healthcare. Ipsos, https://www.ipsos.com/sites/default/files/ct/publication/documents/2024-11/Gender%20Bias_Nov2024.pdf (abgerufen am 06.01.2025).
PP-AL-DE-2773