Chemotherapie beim ILC: Welchen Benefit hat sie?

Invasive Karzinome unterscheiden sich u. a. hinsichtlich der Prognose – ist auch der Benefit einer (neo-)adjuvanten Chemotherapie je nach Typ anders?

ILC und NST – Ist eine ähnliche Behandlung sinnvoll?

Das ILC unterscheidet sich neben klinischen und histologischen Merkmalen auch in der Prognose von dem invasiven Karzinom NST. So zeigt das ILC ein geringeres Progressionsrisiko in den ersten Jahren, aber ein schlechteres Langzeitüberleben gegenüber dem invasiven Karzinom NST.1

Aktuell wird in der S3-Leitlinie zum Mammakarzinom nicht zwischen ILC und invasivem Karzinom NST hinsichtlich der Behandlung mit einer (neo-)adjuvanten Chemotherapie unterschieden.1 Auch die Studienlage zur Langzeitwirkung der Chemotherapie bei ILC ist bis dato dürftig.2 

Mit einer retrospektiven Analyse zielten Öztekin et al. darauf ab, diese Wissenslücke bei Patientinnen mit Hormonrezeptor-positivem (HR+), HER2-negativem (HER2-) ILC zu schließen.2

Kein Unterschied im Überleben gezeigt

In der retrospektiven Kohortenstudie wurde der Effekt einer (neo-)adjuvanten Chemotherapie auf das Langzeitüberleben von 520 Patientinnen mit HR+, HER2- ILC, die eine endokrine Therapie bekommen hatten, untersucht.2

Alle Patientinnen hatten nach niederländischen Leitlinien eine Indikation für eine Chemotherapie. 379 der Patientinnen erhielten tatsächlich eine Chemotherapie (davon 58 neoadjuvant und 321 adjuvant), die restlichen 141 Patientinnen erhielten keine.2

Die retrospektive Analyse der Daten zeigte keinen Unterschied im Überleben zwischen der Chemo- und Nicht-Chemo-Gruppe:2

Die Patientinnen in der Chemo-Gruppe waren jünger (Ø 51 vs. 61 Jahre, p < 0,001), hatten einen höheren T-Statusa (33 % vs. 14 %; p < 0,001) und zeigten häufiger einen axillären Lymphknotenbefall (80 % vs. 49 %; p < 0,001).2

Aber auch in der multivariaten Analyse, die für T-Status, Nodalbefall und Jahr bzw. Alter bei Diagnose adjustierte, zeigte sich kein Benefit durch die Chemotherapie:2

Rückfallrisiko durch verschiedene Faktoren geprägt

Die Charakteristika der Patientinnen in der Chemo-Gruppe2 deuten ein hohes Rezidivrisiko an: So gehören nach der S3-Leitlinie eine Tumorgröße ≥ 5 cm und der Befall axillärer Lymphknoten neben einem hohen Tumorgrad und einem hohen Ki-67-Score zu den Faktoren, die hauptsächlich zu einem erhöhten Risiko für Lokalrezidive oder Fernmetastasen beitragen.1

Laut S3-Leitlinie kann eben in solchen Fällen eine Chemotherapie indiziert sein.1 Zudem empfiehlt die AGO Kommission Mamma bei prämenopausalen Patientinnen mit einem erhöhten Rezidivrisiko die Kombination aus Ovarialsuppression (OFS) und Tamoxifenb oder Aromatasehemmer (AI)c für 5 Jahre im Rahmen der initialen adjuvanten Therapie.3

Ob auch körperliche Aktivität einen Einfluss auf das Rückfallrisiko hat, untersuchte eine prospektive Beobachtungsstudie.4 Mehr dazu im Beitrag „Sport ausüben, Rückfallrisiko reduzieren?“.

aT3: > 5 cm oder T4: Infiltration der Brustwand bzw. der Haut
bOFS 2-5 Jahre, nur solange tolerabel und Patientin eindeutig prämenopausal
cAI nur in Kombination mit OFS bei prämenopausalen Patientinnen


Quelle

  1. Interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms. Stand Juni 2021. AWMF-Reg.-Nr. 032-045OL, unter: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/032-045OLl_S3_Mammakarzinom_2021-07.pdf (zuletzt abgerufen am 04.06.2024).
  2. Öztekin S et al. The effect of (neo)adjuvant chemotherapy on long-term survival outcomes in patients with invasive lobular breast cancer treated with endocrine therapy: A retrospective cohort study. Cancer. 2024;130(6):927-935.
  3. Lux, Wöckel. Adjuvante endokrin-basierte Therapie bei prä-und postmenopausalen Patientinnen. Stand April 2024. unter: https://www.ago-online.de/fileadmin/ago-online/downloads/_leitlinien/kommission_mamma/2024/Einzeldateien/AGO_2024D_10_Adjuvante_Endokrine_Therapie.pdf (zuletzt abgerufen am 07.10.2024).
  4. Cannioto RA et al. Physical Activity Before, During, and After Chemotherapy for High-Risk Breast Cancer: Relationships With Survival. J Natl Cancer Inst. 2021;113(1):54-63.

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